Katherine Choong

Das Unmögliche

Von Kather­ine Choong

Ich habe mit dem Klet­tern begonnen, als ich etwa 8 Jahre alt war, und habe seit­dem nicht mehr damit aufge­hört. Das Klet­tern am Fels ist eine Facette des Klet­terns, die mir beson­ders gefällt, weil man dabei ständig über sich hin­auswächst und der Wille gefordert ist. Die Beziehung zur Natur ist auch etwas ganz Beson­deres und aus mein­er Lei­den­schaft für diesen Sport ent­stand die Lei­den­schaft zu reisen, einige der schön­sten Orte der Welt zu ent­deck­en und wun­der­bare Kul­turen und Men­schen kennenzulernen.

Seit ich mit dem Klet­tern begonnen habe, hat mich der 9. Grad immer zum Träu­men gebracht. Als das Unmögliche, das der Elite und ein­er Hand­voll Frauen vor­be­hal­ten ist, hat mich dieser Grad ange­zo­gen und mir gle­ichzeit­ig Angst gemacht.

Aus diesem Grund habe ich nach Abschluss meines Juras­tudi­ums beschlossen, das begonnene Prak­tikum abzubrechen und mich zu 100% meinem Sport zu wid­men. Es ist nicht leicht, diese Entschei­dung in einem Land zu tre­f­fen, in dem es schwierig ist, von seinem Sport, ins­beson­dere dem Klet­tern, zu leben, und in dem unkon­ven­tionelle Entschei­dun­gen manch­mal ver­pönt sind. Aber da es für mich keine im Voraus fest­gelegte Punk­tzahl gibt, war es für mich wichtig, mich zu trauen, meine Lei­den­schaft zu leben, meinen Weg zu gehen und nicht dem der anderen zu fol­gen. Meinem Instinkt zu fol­gen. Aus diesem Strudel auszusteigen, in den ich mich stürzte, mich von diesem Lebensweg zu befreien, der nicht zu mir passte, und mich ein­fach wieder mit der Natur und den ein­fachen Din­gen zu verbinden. Einen Sinn in meinen Hand­lun­gen zu find­en und meinen Ambi­tio­nen zu fol­gen. Ich glaube, dass die heutige Her­aus­forderung darin beste­ht, man selb­st zu sein, nicht vernün­ftig zu sein, son­dern einzigartig.

Meine Ziele sind meine treibende Kraft, immer höher, immer härter. Und während ich den Erfolg geniesse, inter­essiert mich vor allem der Prozess, die Herange­hensweise, der Weg dor­thin: unvorstell­bare Ressourcen aus sich selb­st her­aus zu schöpfen, Lösun­gen für kom­plexe Prob­leme zu find­en, die vom Fels dik­tiert wer­den, und weit­er daran zu glauben, wenn etwas nicht mehr möglich scheint. Wenn das Spiel so nah an die Gren­zen unser­er Leis­tungs­fähigkeit stösst, ist vor allem die Arbeit eines Per­fek­tion­is­ten gefragt. Es gibt keinen Konkur­renten, die Her­aus­forderung beste­ht darin, über sich hin­auszuwach­sen und das Beste aus sich her­auszu­holen. Eine Mis­chung aus method­is­ch­er Arbeit und Gefühl. Den Kör­p­er in per­fek­ter Osmose mit dem Geist zu spüren, um Leis­tun­gen zu voll­brin­gen, die man sich nicht zuge­traut hat. Denn die Kraft kommt nicht aus der kör­per­lichen Fähigkeit, son­dern aus dem Willen.

Klet­tern ist für mich eine Schule des Lebens. Angst und Zweifel, das Infrage stellen mein­er selb­st ist etwas, das mich in meinem täglichen Leben ständig begleit­et. Aber beim Klet­tern gibt es keinen Platz für Zweifel, man muss zu 100% im gegen­wär­ti­gen Moment sein. Jede Platzierung und jed­er auswendig gel­ernte Griff hat seine Bedeu­tung. Es geht darum, alle par­a­sitären Äng­ste loszuw­er­den, die einen daran hin­dern, sich zu trauen und erfol­gre­ich zu sein. Der wahre Sieg ist der Kampf gegen die eige­nen Mis­ser­folge, die uns zum Aufgeben zwingen.

Wenn man ein Pro­jekt an seinem Lim­it begin­nt, ist es ein schmaler Grat zwis­chen Besessen­heit und Lei­den­schaft. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich ein Scheit­ern riskiere, dass der Moment, in dem ich den Anker löse, vielle­icht nicht so schnell kommt, bin ich überzeugt, dass ich es eines Tages schaf­fen werde. Das Klet­tern hat mich auch gelehrt, zu akzep­tieren, dass ich nicht sofort Erfolg haben werde, Frus­tra­tion in Geduld zu ver­wan­deln und ständig aus jed­er Erfahrung zu ler­nen. Scheit­ern ist immer pro­duk­tiv­er als es nicht zu ver­suchen. Und vor allem: Klet­tern ist nur ein Spiel, das Leben ist zu kurz, um sich selb­st zu ernst zu nehmen.

Jet­zt ste­he ich vor mein­er Route. Ich schliesse die Augen, visu­al­isiere die Bewe­gun­gen ein let­ztes Mal und atme tief ein.

Klam­mern, vor­wärts gehen, ruhig bleiben, atmen. Meine Konzen­tra­tion ist auf dem Zen­it, ich konzen­triere mich auf jeden Griff, jede Platzierung, bewege mich Zug um Zug auf den Gipfel der Route zu. Nichts stört mich mehr. Ich spüre die Beschaf­fen­heit des Felsens unter meinen Fin­gern, meine Hände voller Krei­de, um den gesucht­en Griff zu find­en. Ich führe die Bewe­gun­gen in Per­fek­tion aus. Das kle­in­ste Detail zählt, ein ein­fach­es Zögern kön­nte mich zum Scheit­ern brin­gen und in ein­er Tausend­s­telsekunde würde ich am Ende des Seils hän­gen. Meine Arme schmerzen, meine Fin­ger öff­nen sich unter der Last der Müdigkeit und meine Kräfte ver­lassen mich. Der Druck steigt und der Zweifel über­fällt mich. Aber mein Kopf übern­immt wieder das Kom­man­do, diese kleine Stimme aus der Tiefe meines Herzens schre­it mich an, noch ein paar Augen­blicke zu wider­ste­hen. Mein Herz klopft, aber mein Kör­p­er führt die von meinem Willen dik­tierten Bewe­gun­gen in einem immer prekär­eren Gle­ichgewicht weit­er aus. Ich komme dem Unmöglichen immer näher. Nur noch wenige Meter tren­nen mich von meinem Ziel. Dann erre­iche ich den Gipfel.

Kather­ine Choong

Kather­ine Choong wurde am 1. Jan­u­ar 1992 geboren. Im Alter von acht Jahren kommt sie durch Zufall zum Klet­tern. 2018 war sie die erste Schweiz­erin, der die Rot­punk­t­bege­hung ein­er Route im Schwierigkeits­grad 9a gelang.

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Kather­ine Choong

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